Offener Brief an einen kleinen Afrikaner:
"Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"
Hallo, kleiner Afrikaner, ich weiß, dass du mich weder hören noch sehen kannst, aber es ist mir jetzt doch ein Bedürfnis, dir einmal zu schreiben.
Wir beide werden uns nie sehen. Aber ich habe ein Bild vor Augen. Du bist klein, mager, dürr, dein Kopf sieht viel zu groß aus. Du bist schwach, hast dennoch die Augen auf. Unzählige Fliegen nerven dich; dich scheint es nicht zu stören. Du liegst in den Armen deiner Mutter, der es nicht viel besser geht. Sie scheint teilnahmslos. Vermutlich bist du nicht das erste Kind, das sie verlieren wird. Sie versucht nichts mehr, um auf dein Schicksal aufmerksam zu machen, nicht einmal, wenn eine Kamera euch zeigt. Sie weiß, dass es Hilfe geben könnte, du nicht. Sie ist erwachsen und musste lernen, wie die Welt geordnet ist. Sie schreit nicht mehr, sie bettelt nicht mehr, sie stöhnt noch nicht einmal mehr. Du selbst kannst noch nicht einmal das.
Kleiner Afrikaner, du bist einfach nur da, weißt von der Welt und all dem um dich herum gar nichts. Du scheinst auf die Welt gekommen zu sein, um als eines von 15.000 Kindern am Tag an Unterversorgung zu sterben. Ich weiß noch nicht einmal, ob du Schmerzen hast.
Es tut mir leid, wenn ich dich so sehe. Wärest du nicht nur ein kleiner Afrikaner, würdest du mich wohl fragen, warum ich dir nicht helfe. Ja, warum nicht? Es gibt Spenden, so helfe ich. Warum gerade bei dir nichts angekommen ist, warum du trotzdem sterben musst?
Kleiner Afrikaner, bei all dem, was man machen könnte – du hast einfach Pech. Der liebe Gott, scheinbar mal allmächtig, mal hilflos, hat dich einfach zur falschen Zeit und gleichzeitig am falschen Ort zur Welt kommen lassen. Einige Tausend Kilometer weiter nördlich würdest du vielleicht wenigstens ein normales Alter erreichen. Vor 50 Jahren hättest du ebenfalls bessere Chancen gehabt, als die Mächtigen noch nicht damit begonnen hatten, euch von uns abhängig zu machen. Sie taten dies, weil die Klugen unter ihnen schon damals wussten, dass ihr viele seid, zu viele, und dass ihr kommen werdet.
Ach, mein kleiner Afrikaner, du weißt nichts. Das ist hier alles sehr kompliziert auf dieser Welt, die du einfach nur um ein bisschen Wasser und Brei bittest, um zu überleben. Deine Vorstellung ist naiv. Ob du da bist oder nicht, spielt keine Rolle. So ist das. Nichts auf der Welt würde sich ändern, würdest du überleben. Ja, wir könnten euch alle retten. Es gibt Menschen und Regierungen auf der Welt, die mit einem kleinen Teil ihres Vermögens den Hunger in der Welt beenden könnten. Aber das machen sie nicht. Ich glaube, sie haben Angst vor euch, auch vor dir. Stell dir vor, was passieren würde, wenn all die armen kleinen Afrikaner groß würden, in ganz Afrika. Ihr seid stark, stärker als wir. Viele drängen jetzt schon nach Europa; zu viele, wie wir finden. Sie machen das noch etwas unbeholfen. Sie ertrinken erbärmlich im Meer, lassen sich einsperren, beleidigen, misshandeln, ausnutzen… Aber ihr werdet lernen, glaube ich. Du siehst, wir wollen und brauchen euch eigentlich nicht. Warum sollten wir dann ausgerechnet dich retten? Kleiner Afrikaner, was kann ich dir noch schreiben? „Mach es trotzdem, komm‘ trotzdem zu mir“, könnest du mir mit deinen großen Augen zu verstehen geben. „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“, heißt es im Talmud.
Mal sehen, vielleicht komme ich doch.
Zum Schluss wünsche ich mir etwas: Ich möchte, dass du groß und stark wirst – und mutig. Bei uns gibt es keine Krieger mehr. Aber du sollst einer werden. Ich sehe dich an der Küste Nordafrikas stehen, hinter dir die Völker deines geschundenen Kontinents, die du anführst. Du hast keine Zweifel, du hast keine Angst, du hast nichts zu verlieren, aber du kennst euer Ziel und du kennst eure Feinde.
Und wenn ihr da seid, dann seid gnädiger und gerechter, als wir es sind.
Edgar Gättner

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